An die Turntables, fertig, los! Der Workshop von Bimän gehört zu den grossen Erfolgsstorys auf dem Festival. (Foto: Line Tsoj)
Beim gemeinsamen Workshop-Programm vom Verband für Popkultur in Bayern e.V. (VPBy), MAINPOP, der Pop-Förderstelle des Bezirks Unterfranken, und Ab geht die Lutzi ging es nicht um trockene Theorie, sondern um das, was junge Musikerinnen und Musiker sowie alle anderen Menschen aus der Veranstaltungsbranche wirklich weiterbringt: Technik verstehen, Auftritte planen, Netzwerke knüpfen und den nächsten Schritt auf die Bühne wagen.
Zwischen Bassdrum, Booking-Mail und Bühnenpräsenz zeigte sich beim Ab geht die Lutzi 2026, wie lebendig Popförderung sein kann, wenn sie nicht am Schreibtisch bleibt. Der Verband für Popkultur in Bayern, MAINPOP und das Festival brachten am 26. Juni ein Workshop-Programm auf das Gelände, das dort ansetzte, wo Menschen aus der Branche tatsächlich stehen: mitten in Fragen, Unsicherheiten, ersten Erfolgen und dem Wunsch, besser zu werden.
Benjamin Haupt denkt Popförderung nicht als fertiges Konzept, sondern als lebendigen Austausch zwischen Szene, Festival, Verband und Region. (Foto: Martin Schöffel)
Für Benjamin Haupt, Popularmusikbeauftragter des Bezirks Unterfranken, ist diese Zusammenarbeit kein Zufall. MAINPOP sei mit dem VPBy ohnehin eng im Austausch und die Lutzi sei als „regional erfolgreichstes ehrenamtlich getragenes Nicht-Umsonst-und-draußen-Festival“ ein besonderer Ort für Kultur im ländlichen Raum. „Wir wären kulturell sehr arm hier in der Region, wenn das Lutzi nicht da wäre“, betont Haupt. Dass gerade hier Workshops stattfinden, sei deshalb folgerichtig: Er bezeichnet dieses Zusammenspiel von Festivalpraxis, Nachwuchsförderung und Verbandsarbeit als „absolutes Paradebeispiel“.
Denn Popkultur entsteht nicht allein durch gute Songs. Sie braucht Räume, Bühnen, Menschen, die organisieren, Technik verstehen, Netzwerke knüpfen und anderen den ersten Schritt erleichtern. „Die Basis der Popmusikförderung sind Festivals und Veranstaltungen, die Bands und Publikum überhaupt die Möglichkeit geben, zusammenzufinden“, sagt Haupt. Förderstellen könnten unterstützen, vernetzen, möglich machen. Aber sie ersetzten nicht die Orte, an denen Popkultur tatsächlich passiert.
Kostenlos und unkompliziert: Das Workshopangebot richtet sich bewusst an alle Interessoerten, nicht nur Newcomer. (Foto: Martin Schöffel)
Lernen, was man wirklich braucht
Der Kern des Programms lag genau darin: praxisnahes Wissen, ohne Schwellenangst. Für Haupt beginnt alles mit einem einfachen Satz: „Es gibt immer etwas zu lernen.“ Das gelte für Bands ebenso wie für Veranstaltende, für Solo-Acts, Menschen an der Technik, am Fotoapparat oder jene, die zum ersten Mal hinter ein Mischpult, an Decks oder in eine Booking-Situation kommen.
Die Musikwelt, so Haupt, verlange heute mehr Eigenständigkeit als früher. Vieles könne man selbst machen, aber nicht alles müsse man allein bewältigen. „Alles selber machen können heißt nicht, alles selber machen zu müssen.“ Workshops seien deshalb nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch Orientierung: Was kann ich selbst? Wo brauche ich Hilfe? Wen kann ich fragen? Und wer sitzt vielleicht gerade neben mir mit genau demselben Problem?
Deshalb versteht Haupt solche Angebote immer auch als Netzwerkveranstaltungen. Wer gemeinsam Fragen stellt, merkt schnell, dass Unsicherheit kein Makel ist, sondern oft der Anfang von Zusammenarbeit. Gerade in einer Popkulturlandschaft, die unter wirtschaftlichem Druck steht und sich technisch rasant verändert, ist das entscheidend. „Wir werden in der Kulturlandschaft, in der Popkulturlandschaft die nächsten Jahre nicht überleben, wenn wir uns nicht zusammenschließen und wenn wir nicht zusammenarbeiten“, sagt Haupt.
Alexander Klebl zeigte, dass guter Livesound oft bei scheinbar kleinen Dingen beginnt: beim genauen Hinhören, klaren Fragen und einem sicheren Gefühl für die Bühne. (Foto: Martin Schöffel)
Tontechnik als Schlüssel zur Bühne
Wie konkret diese Basisarbeit aussieht, zeigte unter anderem Alexander Klebl im Workshop Live-Tontechnik. Der Ansatz des Toningenieurs und Betreiber der marell studios war bewusst elementar: nicht abheben, sondern verstehen. Wer zum ersten Mal am Mischpult steht, müsse zunächst „das grundsätzliche Verständnis einer Anlage“ entwickeln. Was wird verstärkt? Wie wird es verstärkt? Und warum kann ein einziger Regler entscheidend sein?
Klebl reduzierte vieles auf einen Punkt, der in der Praxis oft unterschätzt wird: die Vorverstärkung. „Wenn ich nicht weiß, damit umzugehen, geht alles unter“, sagt er. Dann hört man etwas nicht, es wird zu laut oder es fliegt einem technisch um die Ohren. Genau solche Grundlagen entscheiden darüber, ob ein Konzert trägt. „Schlechter Ton heißt, das Konzert kommt nicht an bei den Menschen“, bringt Klebl es auf den Punkt.
Dabei geht es nicht darum, junge Bands zu Tontechnikprofis zu machen. Es reicht, sagt Klebl, ein „Basis-Know-how“: Mikrofone kennen, Monitorsound verstehen, Rückkopplungen vermeiden, typische Fehler einschätzen. Damit lässt sich im Proberaum, in kleinen Venues oder auf ersten Bühnen schon viel gewinnen. Der Profi könne später immer noch Formen, Verfeinern, Würzen. Aber ohne Grundverständnis bleibt man abhängig und unsicher.
„Ich höre mich nicht“, kann alles sein. Alexander Klebl nahm die Teilnehmenden erneut mit hinter die Kulissen der Tontechnik. (Foto: Martin Schöffel)
Mindestens genauso wichtig ist für Klebl die Kommunikation. Wer sich auf der Bühne nicht hört, sollte nicht nur rufen, dass etwas nicht stimmt. „Man sollte mit Stil und Höflichkeit kommunizieren“, sagt er. Aus „Ich höre mich nicht“ wird dann: Kann ich meine Stimme etwas lauter auf den Monitor bekommen? Das ist kein Nebenthema, sondern Teil professioneller Bühnenpraxis. Begriffe kennen, Anliegen klar formulieren, respektvoll bleiben: Auch das ist Nachwuchsförderung.
Besonders wertvoll war für Klebl, dass die Teilnehmenden konkrete eigene Fragen mitbrachten. Rückkopplungen, hallige Räume, Lautstärkeverhältnisse, Monitorsound, digitales Equipment auf der Bühne. Viele Probleme, sagt er, wiederholen sich. Umso wichtiger sei es, sie nicht abstrakt, sondern direkt zu besprechen: „Spezielle Probleme mit einem Menschen und nicht mit der KI zu lösen“, sei eine Stärke solcher Kurse.
Christian Kitz öffnete den Blick hinter die Kulissen des Bookings und machte sichtbar, wie viele Entscheidungen fallen, bevor eine Band überhaupt auf einem Plakat steht. (Foto: Martin Schöffel)
Von Booking bis Meta Ads
Auch die weiteren Workshops griffen typische Stationen junger Musikbiografien auf. Beim DIY-Booking mit Christian Kitz, Musiker und Songwriter, Festivalbooker und Plattenladenbetreiber, ging es darum, wie Bands zu Auftritten kommen, wie Tourplanung funktioniert und welche Abläufe im Festivalbooking eine Rolle spielen. Gerade hier zeigte sich, wie unterschiedlich die Erfahrungsstände sein können: von Musikerinnen und Musikern mit ersten Ambitionen bis hin zu Menschen, die selbst Veranstaltungen organisieren.
Der Bühnenperformance-Workshop mit der Nürnberger Musikerin Ki’Luanda setzte bei Stimme, Präsenz und Selbstbewusstsein an. Wie füllt man einen Raum? Wie steht man auf einer Bühne, ohne sich hinter der eigenen Unsicherheit zu verstecken? Wie kann eine Performance so wachsen, dass sie zur Musik passt?
Ki’Luanda brachte im Bühnenperformance-Workshop Körper, Stimme und Haltung zusammen und machte Mut, die eigene Präsenz nicht zu verstecken. (Foto: Martin Schöffel)
Im beliebten FLINTA*-DJ-Workshop mit BiMän standen Beatmatching, Übergänge, Set-Aufbau und erste Praxis an den Decks im Mittelpunkt. Der über das ganze Wochenende angesetzte Workshop Konzertfotografie mit Janis Hinz wiederum verband Technik, Licht, Emotion und den richtigen Umgang im Live-Kontext. Der DIY-Guide für Meta Ads mit Moritz Hillenbrand, Bassist der Band Devil May Care, Wirtschaftsinformatiker sowie Online Marketing Berater, widmete sich der Frage, wie mit kleinem Budget Kampagnen für Releases, Streams, Ticketverkäufe und Fanaufbau entstehen können.
So unterschiedlich die Themen waren, sie zielten auf denselben Punkt: junge Kreative handlungsfähiger machen. Nicht mit großen Versprechen, sondern mit Werkzeugen, Begriffen, Kontakten und dem Mut, Fragen zu stellen.
BiMän schuf an den Decks nun schon zum wiederholten Mal einen Raum zum Ausprobieren, Hineinhören und Loslegen, ganz ohne Berührungsängste vor Technik oder Clubkultur. (Foto: Line Tsoj)
Popförderung beginnt bei den Basics
Für Haupt ist genau das der Auftrag. Manche Fragen kommen jedes Jahr wieder, weil immer neue Menschen anfangen. Andere ändern sich, weil Algorithmen, Technik, Booking-Realitäten oder rechtliche Rahmenbedingungen in Bewegung bleiben. Deshalb brauche es beides: aktuelle Themen und Grundlagen. Im Tontechnik-Workshop etwa gehe es nicht darum, Spezialwissen vorzuführen, sondern „die Basis zu vermitteln und von da aus aufzubauen“.
Gerade das macht das Workshop-Programm auf der Lutzi so wertvoll. Es bringt Wissen dorthin, wo Musik ohnehin stattfindet. Es verbindet Festivalenergie mit Weiterbildung, Ehrenamt mit Professionalität, Nachwuchs mit Erfahrung. Und es zeigt, dass Popförderung am stärksten ist, wenn sie nicht belehrt, sondern begleitet.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Angebots, das im besten Sinne unspektakulär arbeitet: zuhören, erklären, ausprobieren, vernetzen. Kleine Handgriffe, klare Worte, offene Türen. Genau dort beginnt die Zukunft der Musikszene.
Text: Nicole Oppelt
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