15 Jahre „Ab geht die Lutzi“: Rottershausen zeigte, wie viel Festivalmagie entstehen kann, wenn alle mit anpacken. (Foto: Tom Däullary)
„Ab geht die Lutzi“ feierte vom 25. bis 27. Juni seinen Geburtstag so eigen, herzlich und lebendig wie eh und je.
Das „Ab geht die Lutzi“ feierte 2026 sein 15-jähriges Jubiläum und lieferte in Rottershausen eine seiner erfolgreichsten und wohl schönsten Ausgaben. 5000 Besuchende pro Tag, gut 600 Helfende, große Bands, junge Talente, politische Haltung, Popförderung zum Anfassen und ein Super-Secret-Act mit Augenzwinkern zeigten: Dieses Festival bleibt klein genug für Nähe und groß genug für Überraschungen.
Giant Rooks gehörten zu den großen Namen der Jubiläumsausgabe. Sie krönten die Geburtstagsausgabe mit ihrem stimmungsvollen Abschlusskonzert am Samstagabend. (Foto: Lukas Held)
Manchmal verraten Zahlen mehr, als bloße Statistik: 5000 Besuchende kamen laut Angaben der Veranstaltenden in diesem Jahr pro Tag zum „Ab geht die Lutzi“. Gut 600 Helfende stemmten ein Festivalwochenende, das mit Hitze, Jubiläumsprogramm und großen Erwartungen nicht gerade klein angelegt war. Und dann war da am Ende sogar noch ein Gorilla. Der erschien allerdings nicht, wie es sich für eine ordentlich geplante Festivaldramaturgie gehören würde, mitten im Programm, sondern erst zum Abbau. Auch das ist irgendwie sehr Lutzi: Selbst die Pointe kommt hier noch mit Arbeitshandschuhen.
Mit dem Bieranstich wurde das 15. „Ab geht die Lutzi“ offiziell von der Lutzi persönlich eröffnet. Das hat Tradition und ist eben ganz so, wie es sich für ein Festival mit „Dorfherz“ gehört. (Foto: Lukas Held)
Dass dieses Jubiläum gelungen ist, daran lässt Festivalchef Christian Stahl wenig Zweifel. Für ihn war es die „erfolgreichste und wohl schönste Ausgabe bisher“. Trotz Hitze seien alle Programmpunkte super angenommen worden. Neue Ideen wie die Wasserschlacht hätten sich als kleines Highlight herausgestellt. Die Besuchenden seien happy gewesen, Hitzeausfälle habe es kaum gegeben. Das Team? Ebenfalls „happy, aber erschöpft“. Wer über Wochen und Monate ein Festival gestaltet und aufbaut, dann drei Tage trägt, betreut, absichert, bespielt und wieder abbaut, darf danach auch erst einmal nur auf den nächsten Kabelhaufen blicken.
Das Publikum trotzte der Hitze mit erstaunlicher Gelassenheit und machte die Jubiläumsausgabe zu einem Festivalwochenende voller Bewegung, Begegnung und guter Laune. (Foto: Lukas Held)
Mehr als nur Line-up
Die Lutzi war 2026 aber nicht nur Geburtstagsparty. Sie war auch ein Beweis dafür, wie breit ein Festival inzwischen denken kann, ohne seine Leichtigkeit zu verlieren. Auf der einen Seite standen Giant Rooks, Von Wegen Lisbeth, Swiss & Die Andern, Disarstar, Chapo102, Blackout Problems, Schmutzki, Mal Élevé, Raum27 und viele andere im Programm. Auf der anderen Seite gab es Räume, in denen nicht allein gespielt, sondern gelernt, diskutiert, ausprobiert und vernetzt wurde. Genau diese Mischung macht Rottershausen aus: Hauptbühne, Zeltbühne, Waldbühne, Workshops, Nachwuchsformate, Ehrenamt, Dorfenergie und zwischendrin immer wieder diese kleinen Momente, die kein Line-up-Poster erzählen kann.
Sie haben’s wieder getan! Schmutzki sorgten bei ihrem Zeltplatzkonzert für einen dieser spontanen „Lutzi“-Momente, die man nicht planen kann und trotzdem genau hier erwartet. (Foto: Lukas Held)
Haltung im Schatten der Waldbühne
Besonders wichtig war in diesem Jahr das Rahmenprogramm auf der Waldbühne. Dort wurde nicht nur Schatten gesucht, sondern Haltung gezeigt. Das geschah zum Beispiel im Vortrag und Gespräch zur Normalisierung rechter Strukturen. Hier ging es um ein Thema, das auch bei großer Hitze keine Pause macht. Sozialarbeiter Bastian Drumm vom Kein-Bock-auf-Nazis-Festival in Kusel ordnete ein, wie rechtsextreme Begriffe, Codes und Narrative zunehmend in Alltag, Social Media und politischen Diskurs einsickern. Es ging um die Verschiebung des Sagbaren, um Begriffe wie „Remigration“, um Täter-Opfer-Umkehr, rechte Memes, Social-Media-Strategien und darum, warum Widerspruch heute wichtiger denn je ist. Im Anschluss ging es im Podium „Zivilgesellschaft, Engagement und Antifaschismus“ um die Gefahren des Rechtsrucks und was ihnen entgegengesetzt werden kann. Es wurden Erfahrungen mit Anfeindungen, die Rolle von Protest und zivilgesellschaftlichem Engagement sowie Perspektiven für eine solidarische Zukunft diskutiert. Eingebracht haben sich hier die „mit dem System unversöhnliche Anarchistin“ Hanna Poddig, der deutsch-französische Musiker und Aktivist Mal Élevé sowie die Schülerin und Trägerin des Young Women Leadership Award Franziska Staab vom Röntgen-Gymnasium in Würzburg. Dass ein Festival wie die „Lutzi“ diesem Thema wie schon in den Jahren zuvor Raum gibt, zeigt: Hier wird nicht nur gefeiert. Hier wird auch zugehört, eingeordnet und Position bezogen.
Auf der Waldbühne wurde nicht nur gefeiert, sondern auch diskutiert: Das Rahmenprogramm zeigte Haltung und griff gesellschaftlich wichtige Themen auf. Mit dabei war unter anderem Mal Élevé, Mitbegründer und Frontmann von Irie Révoltés. (Foto: Dani Red)
Auch bei großer Hitze hörte das Publikum auf der Waldbühne aufmerksam zu und diskutierte mit, als es um rechte Strukturen, Sprache und gesellschaftliche Verantwortung ging. (Foto: Dani Red)
Nachwuchs mitten im Festival
Dazu passte das Local Heroes Bayern-Landesfinale, das am Freitag die fünf besten Newcomer-Acts des Freistaats auf die Bühne brachte. Plume aus München gewannen den Titel „Bayerns bester Newcomer-Act 2026“ und reisen im September zum Bundesfinale. Mit dabei waren außerdem kaulbærk aus Bamberg, Lauraine aus München, Igerl aus Mühldorf am Inn und Sven Ormen aus Regensburg. Doch auch hier ging es nie nur um Platzierungen. Local Heroes Bayern versteht sich seit Jahren als Netzwerk, Musikpreis und Möglichmacher zugleich. In Rottershausen wird bereits seit 2019 genau das sichtbar: junge Acts, ein offenes Publikum, eine Jury vor der Bühne, viele Gespräche hinter den Kulissen und ein Abend, der sich weniger wie Konkurrenz anfühlte als wie eine große, verschwitzte Familienfeier.
Local Heroes Bayern brachte die fünf besten Newcomer-Acts des Freistaats auf die Lutzi-Bühne und machte Nachwuchsförderung mitten im Festival sichtbar. (Foto: Martin Schöffel)
Wie gut dieses Netzwerk funktioniert, zeigte sich später noch einmal auf der Hauptbühne. Blackout Problems holten die Landesfinalisten Igerl und Lauraine zu sich, um einen Song gemeinsam zu performen. Für junge Musikerinnen und Musiker sind solche Momente mehr als ein schöner Gastauftritt. Sie erzählen davon, dass Nachwuchs nicht am Rand stehen muss, sondern Teil eines größeren Zusammenhangs werden kann. Genau diese Haltung zog sich durch die gesamte „Lutzi“: Wer hier auftaucht, soll nicht nur konsumieren, sondern andocken können.
Ein besonderer Netzwerk-Moment: Lauraine und Igerl, zwei Landesfinalisten bei Local Heroes Bayern, standen bei Blackout Problems auf der Hauptbühne. (Foto: Janis Hinz)
Popförderung zum Anfassen
Auch das Workshop-Programm von VPBy, MAINPOP und der „Lutzi“ passte in dieses Bild. Popförderung blieb nicht am Schreibtisch, sondern fand mitten auf dem Festivalgelände statt. Es ging um Live-Tontechnik, DIY-Booking, Bühnenperformance, FLINTA*-DJing, Konzertfotografie und Meta Ads. Benjamin Haupt von MAINPOP nannte die „Lutzi“ als regional erfolgreiches, ehrenamtlich getragenes Nicht-Umsonst-und-draußen-Festival einen besonderen Ort für Kultur im ländlichen Raum und betonte: „Wir wären kulturell sehr arm hier in der Region, wenn das Lutzi nicht da wäre.“ Das Zusammenspiel aus Festivalpraxis, Nachwuchsförderung und Verbandsarbeit bezeichnete er als „absolutes Paradebeispiel“.
Im Bühnenperformance-Workshop ging es um Präsenz, Haltung und den Mut, den eigenen Ausdruck auf der Bühne sichtbar werden zu lassen. (Foto: Martin Schöffel)
Denn Popkultur entsteht nicht allein durch gute Songs. Sie braucht Orte, Bühnen, Technik, Wissen, Kontakte und Menschen, die den ersten Schritt erleichtern. Genau das leisteten die Workshops. Alexander Klebl vermittelte Grundlagen der Live-Tontechnik und erinnerte daran, dass schlechter Ton ein Konzert daran hindern kann, überhaupt bei den Menschen anzukommen. Christian Kitz sprach über Booking und Tourplanung. Ki’Luanda arbeitete mit jungen Acts an Bühnenpräsenz. BiMän öffnete an den Decks einen FLINTA*-Raum zum Ausprobieren. Janis Hinz schärfte den Blick für Konzertfotografie, Moritz Hillenbrand für digitale Sichtbarkeit. Das war keine trockene Weiterbildung, sondern ein „Werkzeugkasten“ im Festivalformat.
Beim DIY-Booking-Workshop wurde deutlich, wie viel Planung, Kommunikation und Ausdauer hinter den ersten eigenen Auftritten stecken. (Foto: Martin Schöffel)
Warum solche Orte zählen
Blackout Problems sahen genau darin eine der großen Stärken solcher Orte. Die Band war 2026 zum dritten Mal in Rottershausen und sprach mit großer Wertschätzung über das Festival. Was die „Lutzi“ vielen anderen voraus habe? Erst einmal den Namen und das Maskottchen, witzelten sie. Doch dann wurde es schnell ernst. „Solche Orte sind maximal wichtig für Nachwuchs, Bands, Künstlerinnen“, sagten sie. Ohne Ehrenamt hätten viele junge Acts kaum Chancen auf Festival-Slots. Keine Newcomer-Band lande einfach so bei Rock am Ring, Rock im Park, Southside oder Hurricane. Deshalb seien Festivals wie die „Lutzi“, die jungen Acts eine Bühne geben, essentiell.
Blackout Problems sprachen auf der „Lutzi“ über Nachwuchsförderung, Ehrenamt, Netzwerke und darüber, warum kleine Festivalbühnen für junge Acts so wichtig sind. (Foto: Martin Schöffel)
Die Blackout Problems wissen, wovon sie sprechen. Auch sie verdienten sich ihre ersten Sporen natürlich auf kleinen Bühnen, bekamen jedoch früh Chancen. Solche Orte geben Erfahrung, Sichtbarkeit und Mut. Sie ermöglichen es Bands, sich auszuprobieren und Menschen zu erreichen. Dass die „Lutzi“ als etabliertes Festival jungen Talenten gezielt Raum gibt, sei deshalb ein großer Punkt. Hier werde nicht nur auf das zurückgegriffen, „was schon da ist“, sondern neuer Kultur die Möglichkeit gegeben, „zu gedeihen und zu wachsen“.
Die Blackout Problems lieferten auf der Hauptbühne genau das, was die „Lutzi“ ausmacht: Energie, Nähe und ein klares Bekenntnis zur jungen Musikszene. (Foto: Tom Däullary)
Oasis? Haha. Das Lumpenpack!
Vielleicht ist das die schönste Beschreibung dieser Jubiläumsausgabe. Die „Lutzi“ hat sich zum 15. Geburtstag nicht nur selbst gefeiert, sondern gezeigt, was rund um ein Festival alles wachsen kann. Musik natürlich. Aber auch Haltung. Wissen. Netzwerke. Nachwuchs. Freundschaften. Ideen wie eine Wasserschlacht, die bei Hitze plötzlich zum kleinen Höhepunkt wird. Und sogar ein Secret-Act-Gag, der im besten Sinne nicht nach Marketingmeeting klingt.
Erfrischung, Gelächter und echte „Lutzi-Leichtigkeit“: Die tägliche Wasserschlacht gehörte zu den Top-Events 2026. (Foto: Janis Hinz)
Denn da war ja noch das „15th Anniversary Super Secret Special“. Zum Jubiläum durfte natürlich wild spekuliert werden. Vielleicht Oasis? Ein Banner kurz vor dem anberaumten Slot ließ zumindest Raum für ordentlich Rätselraten. Am Ende wurde es Das Lumpenpack. Und genau deshalb funktionierte der Moment so gut. Der Witz war nicht: Schaut mal, wie riesig wir tun können. Der Witz war: Wir wissen schon selbst, wie absurd diese Erwartungsspirale sein kann. Warum Das Lumpenpack? Christian Stahl beantwortete das angenehm knapp: „Einfach so, weil es das Jubiläum ist und weil wir die gerne hier haben.“ Mehr „Lutzi“ geht kaum.
Oasis? Wirklich? Das Banner auf der Hauptbühne spielte herrlich mit der Secret-Act-Erwartung und bereitete den wohl charmantesten Gag des Wochenendes vor. (Foto: Lukas Held)
Der große Wurf lag also nicht darin, ein möglichst unerreichbares Phantom zu präsentieren. Der große Wurf lag darin, einen Secret Act zu wählen, der zum Humor, zur Energie und zur Selbstironie des Festivals passte. Das Lumpenpack war keine Notlösung, sondern die Pointe. Ein Jubiläumsgruß mit Grinsen. Ein Programmpunkt, der sagte: Wir können groß denken, aber wir müssen uns dabei nicht aufblasen.
Das Lumpenpack entpuppte sich als „Super Secret Act“ und passte mit Humor, Energie und Selbstironie perfekt zum 15. „Lutzi“-Geburtstag. (Foto: Fanny Hellert)
Blick nach vorn, Blick auf den Abbau
Überhaupt war dieses 15. Jahr kein Rückblick im Museumston. Natürlich schwang Geschichte mit. Ein Festival, das über so lange Zeit ehrenamtlich getragen wird, besteht nicht nur aus drei Tagen Programm. Es besteht aus Aufbau, Abbau, Schichten, Freundschaften, Dorfgesprächen, Generationenwechseln, Improvisation und sehr vielen Menschen, die anpacken, bevor andere überhaupt anreisen. Dass Christian Stahl auf die Frage nach dem Blick nach vorn erst einmal trocken sagte, man blicke aktuell „auf den Abbau“, war deshalb keine Ausweichantwort, sondern ziemlich ehrlich.
Festivalchef Christian Stahl war auf dem Gelände mittendrin statt nur dabei. Dieser Umstand gehörte zu den kleinen, aber umso wichtigeren Details, die die „Lutzi“ so unverwechselbar machen. (Foto: Dani Red)
Und trotzdem lässt sich aus dieser Ausgabe ein Wunsch für die nächsten 15 Jahre lesen. Die „Lutzi“ muss nicht zwingend größer, glatter oder lauter werden. Sie sollte vor allem eigen bleiben. Ein Ort, an dem große Acts und lokale Strukturen zusammenfinden. An dem Newcomer nicht als Lückenfüller behandelt werden. An dem Workshops Wissen dorthin bringen, wo Musik ohnehin passiert. An dem politische Themen Platz auf der Waldbühne bekommen. An dem Ehrenamt nicht romantisiert, sondern ernst genommen wird. An dem man bei 36 Grad nicht nur durchhält, sondern eine Wasserschlacht daraus macht.
Erfrischung vor der Hauptbühne: Bei sommerlichen Temperaturen wurde selbst der Wasserschlauch zum gefeierten Programmpunkt. (Foto: Vanessa Stegmaier)
Zum Glück gibt es Lutzi
Blackout Problems gaben jungen Musikerinnen und Musikern am Ende einen einfachen Rat mit: spielen, spielen, spielen. Musik veröffentlichen, sichtbar werden, Kontakte nutzen. „Eure Musik ist sau viel wert“, betonten sie. Dieser Satz passt auch zur „Lutzi“ selbst. Denn sie behandelt Musik nicht wie Kulisse, sondern wie etwas, das Menschen verbindet. Auf der Bühne, davor, dahinter, im Workshop, auf der Waldbühne, im Backstage, im Abbau.
15 Jahre „Ab geht die Lutzi“ sind eine Ansage. 2026 hat Rottershausen gezeigt, dass aus einer Idee längst ein eigener Kosmos geworden ist. Einer, der Geburtstage mit Secret Acts feiert, Haltung nicht auslagert, Nachwuchs ernst nimmt, Wissen teilt, sich selbst nicht zu wichtig nimmt und am Ende sogar noch einen Gorilla in den Abbau schmuggelt. Wacken? Rock am Ring? Southside? Hurricane? Klar, gibt es alles. Aber eben auch: „Lutzi“. Und nach dieser Jubiläumsausgabe möchte man fast sagen: Zum Glück!
Der Gorilla kam spät, aber wirkungsvoll: Erst beim Abbau tauchte er auf und setzte der Jubiläumsausgabe eine herrlich absurde „Lutzi“-Pointe auf. (Foto: Christian Stahl)
... und dieses Glück geht weiter! Schon jetzt sind die ersten Acts für 2027 bekannt: Rottershausen feiert vom 24. bis 26. Juni 2027 auf jeden Fall mit Kaffkiez, Bruckner und The Magic Mumble Jumble.
Text: Nicole Oppelt
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